Freitag, 2. Februar 2007

Aber ich kann nicht! Kann mir nicht entkommen!

Ein Beitrag von Jürgen Finger, München


M. Eine Stadt sucht einen Mörder (1931)
Ein Film von Fritz Lang – nach einem Drehbuch von Thea von Harbou und Fritz Lang – mit Peter Lorre, Gustaf Gründgens und Theo Lingen



„Immer muß ich durch die Straßen gehen und immer spür ich, es ist einer hinter mir her. Das bin ich selber! Manchmal ist mir, als ob ich selbst hinter mir herliefe! Aber ich kann nicht! Kann mir nicht entkommen!“ (Monolog Hans Beckerts)


Obwohl einer der ersten großen Tonfilme der deutschen Filmgeschichte und nun ein dreiviertel Jahrhundert alt, beeindruckt der Film „M. Eine Stadt sucht einen Mörder“ über seine filmhistorische Bedeutung hinaus auch heute noch das Publikum: die verstörende Geschichte und die Verbrechen des auf realem Vorbild beruhenden Kindermörders Hans Beckert; seine betroffen machenden Rechtfertigungsversuche gegenüber einem wild gewordenen Mob; die allgemeine Gleichgültigkeit der Massen in der modernen Großstadt, die infolge der Morde an Kindern, an den Schwächsten der Gesellschaft, überreizt und durch die Berichterstattung aufgeputscht werden ... das sind Themen, die auch heute noch aktuell scheinen und berühren. Nur wenige filmische Werke dürften – bei aller Zeittypik der 20er Jahre – im Umgang mit derart Problematischem seitdem an den Film Fritz Langs heranreichen. Und nicht zuletzt beeindruckt auch heute die Leistung Peter Lorres in der schwierigen, so gar keine Sympathien heischenden Rolle des Kindermörders.

Peter Lorre, der den Kindermörder Hans Beckert spielt, wurde 1904 in Ungarn geboren und ist 1964 in Los Angeles verstorben. Er ist zweifellos einer der bedeutendsten Charakterdarsteller des 20. Jahrhunderts. Mit dem hie vorgestellten Film gelang ihm sein internationaler Durchbruch. Als er 1933 über Wien und Paris in die Vereinigten Staaten emigrierte, soll er das so kommentiert haben: „Für zwei Mörder wie Hitler und mich ist in Deutschland kein Platz.“ Neben zahlreichen Rollen am Theater kennt man Lorre – unverwechselbar durch seine außergewöhnliche Erscheinung, die hervortretenden Augen und die eindringliche Stimme – aus Filmen wie: Der Mann der zuviel wußte, von Alfred Hitchcock, Casablanca, The Maltese Falcon oder auch Arsen und Spitzenhäubchen. Mancher mag ihn aber auch aus den Bugs-Bunny-Comics kennen, in denen er manchmal – mit tiefen Augenringen gezeichnet – auftauchte.

Der Regisseur Fritz Lang, 1890 in Wien geboren und 1976 in Beverly Hills gestorben, ist sicher einer der wichtigsten Regisseure der Filmgeschichte – wobei Lang übrigens immer Österreicher blieb und nie deutscher Staatsbürger wurde. Zahlreiche Drehbücher bis 1934, dem Jahr seiner Emigration nach den Vereinigten Staaten, verfaßte er zusammen mit seiner Frau Thea von Harbou, die allerdings mit dem Nationalsozialismus sympathisierte und in Deutschland blieb. Die oft fantastischen Geschichten seiner frühen und bekanntesten Filme handeln in einer expressiven, meist düsteren Atmosphäre, wie seine Stummfilme Dr. Mabuse. Der Spieler, Metropolis oder der Tonfilm Das Testament des Dr. Mabuse, wobei nach einer eher expressionistischen Phase der „M“-Film auf Grund seiner nötigen Realitätsnähe und seiner Konzeption als aufklärerischer „Tatsachenbericht“ – wie Lang das selbst nannte – eher der sogenannten Neuen Sachlichkeit zugeschrieben werden kann, einer der wichtigen künstlerischen und literarischen Strömungen der 1920er Jahre.

In den Vereinigten Staaten konnte Lang zwar seine Arbeit fortsetzen und drehte zahlreiche Western und antinazistische Spionage-Filme; In der Ära McCarthy kehrte er allerdings kurzfristig nach Deutschland zurück, konnte hier aber nie mehr ganz an seine frühen Erfolge anknüpfen. In dieses Intermezzo gehört auch Die 1000 Augen des Dr. Mabuse, der ein Sittenbild der frühen Bundesrepublik lieferte. Insgesamt hat Fritz Lang fast 50 Spielfilme geschaffen.

„M. Die Mörder sind unter uns“ – so der ursprüngliche Titel, den Lang auf Wunsch des Verleihs ändern mußte, da man das 1931 fälschlicherweise auch auf den Nationalsozialismus hätte beziehen können – dieser Film ist einer der ersten, wegweisenden deutschen Tonfilme. Filmästhetisch und technisch prägend waren vor allem das Spiel von Licht und Schatten, ebenso die besondere Dynamik des Films durch den Wechsel von langsam-ruhigen und hektisch-lauten Szenen und die geschickte Verknüpfung von Ton und Bild, bei der die Tonspur, der fortlaufende Dialog oder die Geräuschkulisse zur nächsten Szene, an einen anderen Ort überleitet. Am eindrücklichsten ist die Verknüpfung zweier parallel verlaufender, gleichzeitger Szenen: die Konferenz der Unterwelt-Bosse und jene der Polizeiführer, zwischen denen hin und her geblendet wird, wobei der Text einfach weiterzulaufen scheint; beide Gruppen beschäftigen ähnliche Probleme, die Erörterungen scheinen – bis auf das Resultat – fast austauschbar. Schon vor dem Bildschnitt beginnt eine Stimme scheinbar logisch den Diskussionsverlauf der einen Konferenz fortzusetzen, bis sich nach dem Wechsel der Szenerie offenbart, daß ein Teilnehmer der anderen Konferenz spricht.

Fritz Lang scheint geradezu versessen darauf, alle durch das neue Medium Tonfilm gebotenen Möglichkeiten auszuschöpfen, zum Beispiel indem die Kamera vollkommen von den weitersprechenden Personen wegschwenkt, sich etwa in der Anfangsszene in die besorgte Mutter hineinversetzt und ihrem suchenden Blick in der Wohnung, ins Treppenhaus, in den Innenhof folgt. Die neue Technik ermöglicht nicht zuletzt die Verwendung eines vom Täter gepfiffenen musikalischen Motivs, das im Film immer wiederkehrt – das Stück In der Halle des Bergkönigs von Edvard Grieg aus der Bühnenmusik zu Ibsens Peer Gynt. Ein passendes Motiv, da in den entsprechenden Szenen des Dramas Peer Gynt wie im Alptraum ins Zauberreich des Bergkönigs gerissen wird, in einen Wirbel symbolischer Figuren und böswilliger Trolle; in diesem musikalischen Leitmotiv spiegelt sich der zwanghafte und sich steigernde Trieb des Mörders.

Die Grundidee vom unbekannten Kindermörder, der eine Stadt in Angst und Schrecken versetzte, basiert auf mehreren zeitgenössischen Begebenheit: In den Jahren 1929/30 hatte der sogenannte „Vampir von Düsseldorf“ 9 Menschen, darunter 4 Kinder ermordet und in einem Fall sogar das Blut des Opfers getrunken. Eher zufällig war der Täter, Peter Kürten, von der Polizei gefaßt worden und, von den psychiatrischen Gutachtern als voll zurechnungsfähig eingestuft, zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Vor dessen Ergreifung allerdings hatte sich eine öffentliche Hysterie im Rheinland entwickelt, die der Polizei nicht nur 12 000 allerdings unbrauchbare Hinweise aus der Bevölkerung einbrachte, sondern die auch dazu führte, daß sich fast 200 Personen freiwillig stellten und die Morde gestanden.

Ähnlich Furore machten der Fall Haarmann – der Film Der Totmacher mit Götz George über den „Werwolf von Hannover“, der 24 Jungen ermordet hatte und teilweise verspeist haben soll schilderte 1995 eindrucksvoll dessen Fall – oder der Fall von Carl Großmann, der in Berlin zwischen 20 und 100 Frauen ermordet haben soll. Der Abzählreim in der Anfangsszene des Films bezog sich ursprünglich auf Haarmann und wurde damals auf die Melodie eines populären Operettenliedes von Walter Kollo gesungen, eine Version lautete:
Warte, warte nur ein Weilchen,
bald kommt Haarmann auch zu Dir,
mit dem kleinen Hackebeilchen,
macht er Schabefleisch aus Dir.
Aus dem Kopf da macht er Sülze,
aus dem Bauch da macht er Speck,
aus den Beinen macht er Eisbein
und das and're schmeißt er weg.
Auf diese zeitnahe Inspiration Langs bezogen sich zahlreiche Kritiker, die meist eher verstört auf die Thematik sowie auf Art und Weise der Darstellung reagierten und manchmal den „Mörderfilm“, den „Film des Sadismus“ denunzierten. Fritz Lang verharmlose Gewalttätigkeit und Lynchjustiz, heroisiere sie gar und schlage aus dem Leid der Opfer Kapital. Der Film sei „rascheste Konjunkturausnutzung“. Lang zeige alles, was sonst die Zensur verbiete – noch heute ist der Film übrigens mit der Kennzeichnung FSK 16 versehen.
Fritz Lang verteidigte sich gegen solche Vorwürfe und stellte fest: die großen Mordfälle der letzten Jahre wiesen „eine sonderbare Übereinstimmung der Geschehnisse (...) [auf], eine fast gesetzmäßig sich wiederholende Erscheinung der Begleitumstände, wie die entsetzliche Angstpsychose der Bevölkerung, die Selbstbezichtigung geistig Minderwertiger, Denunziationen, in denen sich der Haß und die ganze Eifersucht, die sich im jahrelangen Nebeneinanderleben aufgespeichert hat, zu entladen scheinen, Versuche zur Irreführung der Kriminalpolizei teils aus böswilligen Motiven teils aus Übereifer.“ Demgegenüber habe er seinen Film als Aufklärung konzipiert, um über die Problematik der zunehmenden Massenmorde und deren psychosoziale Ursachen zu informieren. Der Film solle den Blick lenken auf „die Grotesken des von der Mordpsychose befallenen Publikums auf der einen Seite und die grauenhafte Einfalt, mit der ein unbekannter Mörder durch ein paar Süßigkeiten, einen Apfel, ein Spielzeug, jedem Kind auf der Straße, jedem Kind, das sich außerhalb des Schutzes von Familie oder Behörde befindet, zum Verhängnis werden kann.“

Für den heutigen Zuschauer überraschend ist die zweite Grundidee des Films, daß nämlich die gut organisierte Berliner Unterwelt unter dem Fahndungsdruck der Polizei beschließt, selbst den Mörder zu fassen und ihn auszuschalten. Die sogenannten „Ringvereine“ der 20er Jahre genossen damals tatsächlich oft großen populären Ruhm, wie zum Beispiel die inzwischen ebenfalls verfilmte Geschichte der Gebrüder Sass zeigt. Dieses Motiv wird im Film aber stark übersteigert, mit dem geradezu autoritär agierenden, von Gustav Gründgens dargestellten Unterwelt-Boß Schänker oder auch der weitverzweigten „Organisation der Bettler“, die nicht nur generalstabsmäßig organisiert ist, sondern dazu noch ihre eigene Form des Börsenhandels und des Wurstbrot-Kapitalismus entwickelt hat.

Die zwischen Volksgericht und Lynchjustiz schwankende Pseudoverhandlung in einem die Unterwelt symbolisierenden, katakombenartigen Keller und die Verteidigungsrede des Täters bilden nach einer geschickt sich steigernden Verfolgungsjagd den Höhepunkt des Spannungsbogens. Die Polizei erscheint schließlich als Deux ex machina, der in der bildlichen Darstellung der Festnahme nicht individualisierte, sprichwörtliche Arm des Gesetzes überführt Beckert vor die staatliche, die einzig legitime Justiz, wo allein – so die Hoffnung des Verteidigers – der kranke Täter ein gerechtes Urteil erhoffen dürfe.

Wirkungsästhetisch bleiben die letzten Szenen aber ambivalent: Formal triumphiert der Rechtsstaat, dieser Sieg scheint aber eher zufällig errungen, er bleibt prekär. Der Eindruck, der beim Zuschauer bleibt, ist ein anderer und mag durch die Eigenart des Mediums Film bedingt sein: Die legale und vor allem humanitäre Argumentation des Rechtsanwalts kommt nicht gegen die vom Mob zwar gewalttätig aber effektvoll artikulierten Emotionen an.

Der Film reflektiert so nicht nur das Psychogramm des von seinen psychotischen Angstzuständen getriebenen Mörders Beckert. Er bietet auch ein Soziogramm seiner Entstehungszeit: der Jahre 1930/31 im Übergang zum Brüningschen Präsidialregime, am Höhepunkt der Wirtschaftskrise mit Massenarbeitslosigkeit und politisch-gesellschaftlicher Desorientierung, in einer Atmosphäre von Angst, Aggressionen und Gewalt in einer zeitgenössischen modernen Metropole, dem Berlin der 20er Jahre.




NB: Der Film ist inzwischen gemeinfrei und kann online abgerufen werden bei google Video.



Literaturhinweise:

Zur Rolle der Medien und der Massen im Kaiserreich sei jetzt auf drei neuere Studien hingewiesen:
  • Nonn, Christoph, Eine Stadt sucht einen Mörder. Gerücht, Gewalt und Antisemitismus im Kaiserreich, Göttingen 2002. (Rezension bei HSozKult und HistLit, bei sehepunkte.de, bei AfS online, )
  • Walser Smith, Helmut, Die Geschichte des Schlachters. Mord und Antisemitismus in einer deutschen Kleinstadt, Göttingen 2002. (Rezension bei HSozKult und HistLit, bei sehepunkte.de, bei AfS online, )
  • Hett, Benjamin Carter: Death in the Tiergarten. Murder and Criminal Justice in the Kaiser's Berlin. Cambridge/Mass. 2004 (Rezension bei HSozKult und HistLit).
  • Philipp Müller, Auf der Suche nach dem Täter. Die öffentliche Dramatisierung von Verbrechen im Berlin des Kaiserreichs, Frankfurt a.M. 2005 (Rezension bei HSozKult, bei sehepunkte.de, bei AfS online).
  • Daniel Siemens, Metropole und Verbrechen. Die Gerichtsreportage in Berlin, Paris und Chicago 1919-1933 (Transatlantische Historische Studien 32), Stuttgart 2007.
  • Kerstin Brückweh, Mordlust. Serienmorde, Gewalt und Emotionen im 20. Jahrhundert, Frankfurt a.M. 2006 (Rezension bei sehepunkte.de und bei HSozKult)

Zum Film im speziellen:

  • Frida Grafe u.a., Fritz Lang (Reihe Film 7), München und Wien 21987.
  • Michael Töteberg, Fritz Lang, mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek bei Hamburg 1985.
  • Artikel „M. Die Mörder sind unter Uns“, in: Film-Klassiker. Beschreibungen und Kommentare, hg. von Thomas Koebner u.a., Bd. 1, Stuttgart 52006, S. 275-280.
  • Rolf Aurich (Hg.), Fritz Lang. Leben und Werk, Bilder und Dokumente 1890 - 1976 (Retrospektive 2001, Filmmuseum Berlin - Deutsche Kinemathek und Internationale Filmfestspiele Berlin), Berlin 2001, hier v.a. S. 138ff.

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Kommentare:

Jürgen Finger hat gesagt…

Einen spannenden Kommentar stellt ein animated gif, also die etwas alte aber immer noch charmante Grafik-Dateiart dar, die inzwischen wiederbelebt wird. Eine der eindrücklichsten Szene lässt sich damit einfangen, wie eine CHiffre. http://iwdrm.tumblr.com/post/11533925410

Jürgen Finger hat gesagt…

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