Freitag, 1. Februar 2008

„Provoziere nicht die Gesellschaft!“

Ein Beitrag von Kristian Buchna, M.A., Augsburg


Das Mädchen Rosemarie (1958)
von Rolf Thiele, nach einem Drehbuch von Erich Kuby, Rolf Thiele, Rolf Ulrich und Jo Herbst, mit Nadja Tiller, Carl Raddatz, Gert Fröbe, Peter van Eyck, Mario Adorf, Jo Herbst, Horst Frank und anderen




kb – Am 12. Dezember 2007 eröffnete im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn eine Wechselausstellung zum Thema „Skandale in Deutschland nach 1945“. Präsentiert werden dort 20 jeweils Aufsehen erregende Fälle aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen. Doch ob nun Hildegard Knef als vielfach angefeindete „Sünderin“ oder der Bundesligaskandal Anfang der 70er, ob Beate Klarsfelds Ohrfeige gegen Bundeskanzler Kiesinger oder auch Rolf Hochhuths (Homepage) Drama „Der Stellvertreter“ – in fast allen Fällen lassen sich die Auslöser der Skandale und ihre Protagonisten ziemlich präzise benennen. Bei einem Namen jedoch fällt eine solche Zuordnung – man könnte fast sagen: wider Erwarten – schwer: Rosemarie Nitribitt.

Die Gründe für jene Schwierigkeit liefert das Haus der Geschichte auf seiner Homepage höchstselbst, denn dort bekommt der Besucher als Pressefoto nicht etwa eine der vielfach reproduzierten Nitribitt-Aufnahmen zu Gesicht, die sie z. B. vor ihrem wohl bedeutendsten „Accessoire“, einem schwarzen Mercedes 190 SL, zeigt, nein, vielmehr lächelt die österreichische Schauspielerin Nadja Tiller von der Motorhaube eines baugleichen, wenn auch rotfarbenen Cabriolets herab. Spätestens hier stellt sich die Frage nach Auslösern und Trägern des Skandalons Nitribitt ganz akut, denn in dem einen Fall haben wir es mit einer realen Frankfurter Prostituierten zu tun, im anderen mit einem berühmt-berüchtigten Film aus dem Jahre 1958. Was genau aber zeichnet nun dafür verantwortlich, dass der Name Nitribitt im Laufe der letzten 50 Jahre zu einem Quasi-Synonym für „Skandal“ geworden ist? In bewusster Trennung der Bereiche von Realität und Fiktion soll dieser Frage im Folgenden nachgegangen werden, wobei der Film und seine Rezeption im Vordergrund stehen werden.


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Im Frankfurt der mittfünfziger Jahre gab es weit über eintausend Prostituierte; Kriminalität und auch Raubmorde waren diesem Milieu nicht fremd. Sofern Delikte aus jener „Halbwelt“ überhaupt zeitungskundig wurden, verblieben sie in namen- und gesichtsloser Anonymität und waren am nächsten Tage wieder vergessen bzw. durch neue Meldungen ersetzt. Anders am 2. November 1957. Tags zuvor war eine Frankfurter Prostituierte tot in ihrem Appartement aufgefunden worden, doch nicht irgendeine, sondern die Dirne der Stadt war einem Verbrechen zum Opfer gefallen und nicht nur in der boulevardesken Abendschau-Nachtausgabe, sondern auch in der seriös-konservativen FAZ konnte man wie selbstverständlich den Namen der Ermordeten der Überschrift entnehmen: Rosemarie Nitribitt – geboren am 1. Februar 1933 in Düsseldorf als uneheliches Kind ihrer 18jährigen Mutter und getauft auf den Namen Maria Rosalie Auguste, kurz: Rosemarie. Ihre Kindheit, die sich allenfalls fragmentarisch anhand von Aktenüberlieferungen verschiedener Jugendämter nachzeichnen lässt, verbrachte sie zunächst bei einer Pflegefamilie in einem beschaulichen Dorf in der Eifel und nach Kriegsende in unterschiedlichen Heimen bzw. auf der Flucht aus eben jenen. Im Alter von elf Jahren soll sie vergewaltigt worden sein, und nur zwei bis drei Jahre später begann ihr unmittelbarer Kontakt mit der Prostitution – im besetzten Deutschland der Nachkriegszeit sicherlich mehr als nur ein Randphänomen.

Seit Ende der 40er Jahre versuchte die renitente Heranwachsende mehrfach, in der sie faszinierenden Mainmetropole Frankfurt unterzutauchen, erst ihre Volljährigkeit bewahrte sie jedoch vor fortgesetzten Festnahmen durch die Frankfurter Polizei. Ihre Gehversuche als Mannequin scheiterten frühzeitig, so dass die anfängliche Gelegenheitsprostitution schnell zu ihrer Haupteinnahmequelle avancieren sollte, und dieses „Geschäft“ betrieb sie mit größtmöglichem Erfolg, wobei durchaus einträgliche Erpressungen einzelner Kunden u. a. mit vorgetäuschten Schwangerschaften Bestandteil jenes materiellen Aufstiegs waren. Wie dem auch sei: Bereits lange vor ihrem Tod war „die“ Nitribitt stadtbekannt; kaum jemand, der die Edelprostituierte nicht schon mal auf hochkarätigem Kundenfang in ihrem SL gesehen und hinter vorgehaltener Hand oder auch mit erhobenem Zeigefinger über sie geredet hatte.

Dabei waren es wohl weniger ein makelloses Äußeres oder unwiderstehliche Verführungskünste, die Nitribitt gerade für die in Frankfurt zahlreich vertretene Wirtschaftselite so anziehend gemacht hatten. Vielmehr verstand sie es vortrefflich, ihre Attraktivität durch eine zeitgemäße Inszenierung exponentiell, man könnte fast sagen: konkurrenzlos, zu steigern. In einer Zeit, als ein Industriearbeiter durchschnittlich knapp über 400 DM im Monat verdiente und Frauen im Straßenverkehr noch eine klare Minderheit darstellten, konnte allein der Kauf eines knapp 18.000 DM teuren Automobils durch eine Vertreterin des horizontalen Gewerbes sowohl als Sensation wie auch Provokation gelten. So viel selbstbewusst und aufreizend zur Schau gestellte Unmoral galt damals vielen als anstößig. Gepaart mit einer neuen Wohnung in Höchstpreislage, teurer Kleidung und zunehmend sicheren Umgangsformen war ihr das Tor zur bundesrepublikanischen Hautevolee weit geöffnet.

(*) Geradezu mustergültig lässt sich nun am Fall Nitribitt die von Frank Bösch herausgearbeitete These der in den 1950er Jahren vorherrschenden „tabuisierten Empörung“ veranschaulichen, der zufolge „bestimmte skandalträchtige Normkonflikte, wie das Sexualleben der Politik, nun nicht mehr thematisiert“ 1 wurden, obwohl führende Vertreter der Presse in Kenntnis der einen oder anderen amourösen Affäre von Spitzenpolitikern waren. So ist bemerkenswert, dass aus dem von Nitribitt penibel geführten Terminkalender, ihren Notizbüchern sowie aus ihrer umfassenden Foto-Sammlung der Name keines Politikers an die Öffentlichkeit drang, obwohl es in gut unterrichteten Journalistenkreisen als offenes, aber eben gut gehütetes Geheimnis galt, dass neben dem Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm auch der spätere Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger zu ihrem „Kundenkreis“ gehörte. 2(*) Doch auch die wenigen publik gewordenen Namen lassen aufhorchen: Neben den jungen Industriellenerben Ernst-Wilhelm und Gunter Sachs(Homepage) gehörten Harald Quandt oder auch Harald von Bohlen und Halbach zu ihrem Kunden- bzw. Bekanntenkreis. Insbesondere für den letztgenannten Krupp-Sprössling scheint sein „Fohlen“ weit mehr als nur eine Bettbekanntschaft gewesen zu sein, wie zahlreiche Liebesbriefe belegen.

Auf mindestens dreierlei Weise trug nun diese hochklassige Klientel mittel- oder unmittelbar zur öffentlichen, vor allem publizistischen Erregung rund um den Mordfall Nitribitt bei. Zunächst einmal litt das z. T. sorgsam gepflegte Bild einer sittsamen, disziplinierten, „heilen“ Wirtschaftswunder-Welt erheblich unter der Vorstellung, dass nicht eben wenige Mitglieder der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen oder gar politischen Elite Zeit und Geld in Prostituierte investierten. Zum zweiten forcierte das Wissen um Nitribitts Kundenkreis die Mutmaßungen über den potentiellen Täter und dessen Motive, zumal es sich beim Mord nicht um ein Sexualdelikt und ebenfalls nicht um einen geplanten Raubmord handelte – dazu befand sich nach der Tat noch allzu viel Geld und teurer Schmuck in der Wohnung. Wasser auf die Mühlen der kritischen Begleiter jenes Falles goss – drittens – eine hoffnungslos überforderte und mehr als nur unglücklich agierende Frankfurter Kriminalpolizei, und das nicht zu knapp. Dass das genaue Todesdatum und somit einer der wichtigsten Fixpunkte für die Tätersuche allein deswegen nicht ermittelt werden konnte, weil die zuerst eingetroffenen und allzu sorglosen Ermittlungsbeamten aufgrund des Verwesungsgeruchs die Fenster geöffnet hatten, noch bevor die Raumtemperatur gemessen werden konnte, mag noch als kriminologischer Dilettantismus durchgehen. Die allzu privilegierte Behandlung der prominenten Kundschaft bei den (wenn überhaupt stattfindenden) meist nur sehr kurzen und oberflächlichen Verhören nährte jedoch vielfach den Verdacht systematischer Verschleierung aus Angst vor einem größeren gesellschaftspolitischen Skandal.


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Dass sich ein solcher eben nicht einstellte, war für den Journalisten Erich Kuby, einen der auflagenstärksten Kritiker wirtschaftswunderlicher Behaglichkeit, nach eigenem Bekunden der eigentliche Auslöser für seine Beschäftigung mit dem Fall Nitribitt. Kubys Unbehagen am Status quo wurde wohl einzig von seiner scharfsinnig-beißenden Polemik übertroffen, und so war es nur folgerichtig, dass er schon zwei Wochen nach dem Leichenfund bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft(FSK) in Wiesbaden einen Film registrieren ließ unter dem Arbeitstitel „Ein Mädchen namens Nitribitt“. Zwar waren ihm mit diesem Anliegen bereits drei Produktions- und Verleihfirmen zuvorgekommen, doch Kuby war der erste, der eine schlagfertige und hochkarätige Truppe um sich versammeln konnte, die das Filmprojekt innerhalb kurzer Zeit umsetzte, allen voran Regisseur Rolf Thiele. Der gesamte Produktionsprozess war allerdings geprägt von Unterlassungsklagen, einstweiligen Verfügungen und der demonstrativen Verweigerungshaltung großer deutscher Konzerne in Bezug auf das auch damals schon gern praktizierte Productplacement. In vorauseilender Furcht vor einem lasterhaften Dirnendrama kündigten darüber hinaus viele tausend Kinobesitzer in Nordrhein-Westfalen und Bayern schon vor Beginn der Dreharbeiten einen Boykott des Films an.

Doch es sollte anders kommen. Dem „Nestbeschmutzer von Rang“ (H. Böll) schwebte alles andere als ein ordinärer Streifen aus dem Rotlicht-Milieu vor, nicht einmal am Lebensschicksal von Rosemarie Nitribitt zeigte er gesteigertes Interesse. Er bediente sich zwar zahlreicher realer Motive aus dem Leben der Ermordeten, doch letztlich hatte er Größeres im Sinn. Der „Fall Rosemarie“ war für ihn lediglich das sichtbar gewordene Symptom, nicht aber die Ursache einer unheilvollen gesellschaftlichen Fehlentwicklung. Dass in dem Film kaum ein „Otto-Normal-Bürger“ vorkommt, ist sicher kein Zufall. Frei nach dem Motto „Der Fisch stinkt vom Kopf her“ ist es jene gesellschaftliche Oberschicht aus Wirtschaftsführern und Adel, die im Zentrum der Kritik steht.

Am anderen Ende jener Hierarchie zieht die Film-Rosemarie zusammen mit ihren beiden kleinkriminellen Zuhältern (gespielt von Mario Adorf und Jo Herbst) durch Frankfurts Hinterhöfe auf der Suche nach zahlungskräftiger Kundschaft. Die findet sich nur allzu zahlreich im sog. „Isoliermattenkartell“ vereinigt – einer Tarnorganisation von Wirtschaftsbossen aus der Stahl-, Chemie- und Elektroindustrie, die im Auftrag der Bundesregierung an einem Geheimprojekt vermutlich aus dem Rüstungsbereich arbeitet. Rosemaries eher zufälliges Zusammentreffen mit Konrad Hartog, alias Carl Raddatz, verändert ihr Leben grundlegend. Der – man achte auf die Anspielung – in der Krupp-Stadt Essen ansässige Industrielle ist nämlich bereit, ihr zu einem wirtschaftlich besseren Leben zu verhelfen, versorgt sie nicht nur mit Geld, er verschafft ihr auch eine neue Wohnung nebst zeitgemäßer Einrichtung. Doch diese Liaison ist nur von kurzer Dauer. In dem ebenso charmanten wie skrupellosen französischen Wirtschaftsspion Alphonse Fribert, dargestellt von Peter van Eyck, findet die aufstiegsbesessene Rosemarie einen neuen Lehrer, der sie letztlich dazu anstiftet, ihre Kunden aus dem Kartell mittels Abhörgerät und Spionagekamera zu bespitzeln. Die lernwillige Schülerin emanzipiert sich allerdings von ihrem Auftraggeber, indem sie die Abhörbänder, darunter sogar eines von Fribert, für sich selbst nutzbar machen will, um ihren auch sozialen Einstieg in die bessere Gesellschaft zu erpressen. Da jene Bänder nicht nur privaten, sondern auch wirtschaftlichen und politischen Sprengstoff darstellen, hat sich Rosemarie eine Vielzahl mächtiger Feinde geschaffen, die im Kollektiv ein Interesse an ihrem Tod haben könnten. Sie wird ermordet, da sie auf Friberts leitmotivische Warnung nicht gehört hat: „Provoziere nicht die Gesellschaft! Das kannst du dir nicht leisten. Du bist ihr Produkt.“

Sowohl vom schauspielerischen als auch vom handwerklichen Gesichtspunkt aus vermag „Das Mädchen Rosemarie“ auch heute durchaus noch zu überzeugen. Den Inhalt subtil bis überspitzt aufgreifende Kameraführungen sowie Ton- und Schnitttechniken waren – filmhistorisch betrachtet – sicherlich keine Neuerungen, aber expressive Experimente waren dem deutschen Kino der fünfziger Jahre fremd geworden. Ein symbolisch überhöhtes Auf- und Abstiegsmotiv ist uns z. B. in Ruttmanns „Sinfonie der Großstadt“ begegnet, allerdings von einem weitgehend wertneutralen Standpunkt aus. Im „Mädchen Rosemarie“ ist das inszenierte Oben und Unten, Drinnen und Draußen normativ zu verstehen als wirtschaftlicher Aufstieg, der einhergeht mit einem moralischen Niedergang. Dass es sich hierbei auch um einen Kreislauf handeln könnte, der die reinigende Wirkung eines Skandals gar nicht zulässt, legen die Anfangs- und Schlussszene nahe. Gibt Rosemarie selbst zu Beginn vor, in der eigens nachgebauten Empfangshalle des Frankfurter Hofs (zwangsweise durch eine Einblendung deklariert als „Palast Hotel“) auf jemanden zu warten, so ist es am Ende an gleicher Stelle ihre Nachfolgerin – beide bekommen vom Portier zu hören: „Sie sind hier falsch.“ Auch dies ein Leitmotiv des Films. „Richtig“ und brauchbar sind die Rosemaries dann, wenn sie entweder als Sexualpartnerinnen oder Beichtmütter benötigt werden. „Falsch“ und gefährlich für die Gesellschaft werden sie, wenn sie über diesen begrenzten Rahmen hinaus aktiv werden oder gar Ansprüche auf Integration anmelden, die bei aller Inanspruchnahme ihrer Dienste schlichtweg unmöglich ist. Insofern versteht sich der Film auch und vor allem als ein Frontalangriff auf die Doppelmoral der Zeit.

„Das Mädchen Rosemarie“ zeichnet gleichsam ein sehr düsteres Zeitbild in den grellsten Farben. Hinter einer glänzenden Fassade ist der Kapitalismus gänzlich verkommen und von Amoral und Mauschelei geprägt; die vermeintlichen „Helden des Wirtschaftswunders“ zeigen ihr wahres, sonst vor den Augen der Öffentlichkeit verborgenes Gesicht. Die Institution der Ehe wird der völligen Lächerlichkeit preisgegeben. Positive Werte und Ideale sucht man in dieser Welt vergebens. Eine moralische Instanz haben die Drehbuchschreiber indes eingebaut: Horst Frank spielt einen bibelfesten Studenten voll missionarischen Eifers, der den „Wächter – Die Stimme der frommen Vernunft“ unters desinteressierte Volk zu bringen versucht. Die von ihm zitierten Bibelverse, insbesondere eine Mahnung des Paulus an Timotheus (1 Tim 6,9), könnten durchaus als zeitgemäße und ernsthafte Warnungen taugen – allein die Figur ist so konzipiert, dass sie in ihrer Umwelt als kaum lebensfähig erscheint, sie ist ein Fremdkörper. Die einzige moralische Instanz gerät (im wahrsten Sinne) unter die Räder.

Nicht nur moralisch, sondern gar staatspolitisch gefährlich machte den Film in den Augen einflussreicher Kritiker die Verquickung von Realem und Erdichtetem, was an einer ebenso neuralgischen wie gelungenen Szene aufgezeigt werden soll. Regisseur Rolf Thiele hielt eine Kommentierung des Films aufgrund der mangelnden zeitlichen Distanz für unverzichtbar und ließ zu diesem Zweck mit Rolf Ulrich und Jo Herbst zwei Mitbegründer des Berliner Kabaretts „Die Stachelschweine“ (Homepage) engagieren. Dem Duo Herbst-Adorf war nun die Rolle zugedacht, das filmische Geschehen in Moritatenmanier ironisch-kritisch zu begleiten. Der hinkende Vergleich mit Brechts Dreigroschenoper wurde zwar vielfach bemüht, Thiele selbst sorgte jedoch schon im Vorfeld für Klarheit: „Die Dreigroschenoper war das Knurren eines hungrigen Magens. Unser Film wird ein Rülpser der Sattheit.“ Seine wohl vollkommenste Form findet jenes saturierte Aufstoßen in dem Lied „Wir ham’ den Kanal noch lange nicht voll“, das Rosemaries nunmehr ehemalige Zuhälter anstimmen, während sie Fernseher, Radiokoffer und Mixer in ihre neue Wohnung hochtragen. Es ist auch jenes satirisch-entlarvende Spiel mit den Insignien des Wirtschaftswunders, das diesen Film auszeichnet. Zu einem hochbrisanten Politikum wurde die Szene jedoch erst, als Wochenschau-Aufnahmen von vorbeimarschierenden Bundeswehrsoldaten hineinmontiert wurden. Gepaart mit dem Liedtext und der sicherlich nicht zufälligen Melodie des Königgrätzer Marsches ergab sich eine Mischung, die zur Zeit kontroverser Debatten um eine atomare Aufrüstung der Bundeswehr den Sittenwächtern des deutschen Films eindeutig zu weit ging.

Da jene Collage eine „Herabwürdigung der verfassungsmäßigen und rechtsstaatlichen Grundlagen“ bewirke, verlangte die FSK ihre Entfernung. Ersetzt wurden die Dokumentaraufnahmen durch „anonym“ vorbeimarschierende Statisten in Uniform – der beabsichtigten Wirkung dürfte jene Änderung keinen Abbruch getan haben. Zwar wurde der Film unter einer weiteren Änderungsauflage von der FSK letztlich ab 18 Jahren freigegeben, doch drei der acht Ausschussmitglieder, darunter ein Vertreter der Kirche und einer des Bundes, beantragten gar – letztlich vergebens – eine völlige Verweigerung der Freigabe aufgrund der entsittlichenden Wirkung und einer zu befürchtenden Schädigung des Ansehens Deutschlands im Ausland. Schließlich werde ein ausschließlich negatives Bild der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung entworfen und es bestehe die Gefahr einer Verallgemeinerung der gezeigten Missstände auf das ganze deutsche Volk.
Fast identisch argumentierte das Auswärtige Amt mit Heinrich von Brentano an der Spitze, der im August 1958 die deutsche Botschaft in Italien dazu aufforderte, gegen die Vorführung des „Mädchens Rosemarie“ auf der Biennale Protest einzulegen. Der entsprechende Einspruch des dortigen Kulturattachés erwies sich gleich in zweifacher Hinsicht als Bumerang. Einerseits reagierte man in Italien irritiert bis verärgert auf einen solchen staatlichen Interventionsversuch, andererseits steigerte das wenig humorvolle deutsche Vorgehen die Neugier auf den Film im In- und Ausland um ein Vielfaches. Die Reaktionen des Premieren-Publikums in Venedig waren euphorisch, deutsche Kinos erlebten einen noch größeren Ansturm als im Falle der „Sünderin“ und ein Golden Globe für den besten fremdsprachigen Film krönte jenen Siegeszug.

Bei allem kommerziellen und auch publizistischen Erfolg bleibt es jedoch fraglich, ob der Film seine hochgesteckten Ziele erreichen konnte. Das Stilmittel der Übertreibung ist seit jeher integraler Bestandteil der Satire, doch übermäßig angewendet, droht die Wirkung zu verpuffen. Bis auf die Ausnahme Hartogs werden die Wirtschaftsbosse zu Karikaturen degradiert, deren Fehlverhalten eine kathartische Wirkung kaum zulässt. So prägt den Film letztlich ein sehr eigentümliches Changieren zwischen Ironie und Burleske, Klamauk und Kabarett, hintersinnigem Wortwitz und Slapstick, was den Zuschauer zwar amüsiert, aber nicht zwingend heilsam schockiert zurücklässt. Oder, um mit Worten eines bedeutenden Literaturkritikers aus dem 19. Jahrhundert zu schließen: „Der Pfeil der Satire traf den schwarzen Punkt, aber zertrümmerte zugleich die ganze Scheibe seines Zieles“. (Gustav Kühne)






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Anmerkungen

(*) Der Absatz zwischen den Asterisken wurde am 30.12.2011 eingefügt.
1 Frank Bösch, Öffentliche Geheimnisse. Die verzögerte Renaissance des Medienskandals zwischen Staatsgründung und Ära Brandt, in: Bernd Weisbrod (Hrsg.), Die Politik der Öffentlichkeit – Die Öffentlichkeit der Politik. Politische Medialisierung in der Geschichte der Bundesrepublik (Veröffentlichungen des Zeitgeschichtlichen Arbeitskreises Niedersachsen, Bd. 21), Göttingen 2003, S. 125-150, hier: S. 135.
2 Vgl. Informationsbericht Robert Strobels vom 21.8.1958, Archiv des Instituts für Zeitgeschichte/München, ED 329/10.





Literatur- und Quellenhinweise
  • Marli FELDVOß, Wer hat Angst vor Rosemarie Nitribitt? Eine Chronik mit Mord, Sitte und Kunst aus den fünfziger Jahren, in: Zwischen Gestern und Morgen. Westdeutscher Nachkriegsfilm 1946-1962 (Schriftenreihe des Deutschen Filmmuseums Frankfurt am Main), Frankfurt/M. 1989, S. 164-182.
  • Erich KUBY, Rosemarie – des deutschen Wunders liebstes Kind, Stuttgart 1958 (EA).
  • Norbert F. PÖTZL, Lüstern und spießig. Der Mordfall Nitribitt und seine vertuschten Verbindungen ins Promi-Milieu, in: Georg Bönisch/Klaus Wiegrefe (Hrsg.), Die 50er Jahre. Vom Trümmerland zum Wirtschaftswunder, München 2007, S. 313-317.
  • Samuel SCHIRMBECK, Die Nitribitt. Ein Mord und viele Täter, in: Georg M. Hafner/Edmund Jacoby (Hrsg.), Die Skandale der Republik 1949-1989. Von der Gründung der Bundesrepublik bis zum Fall der Mauer, überarb. Neuausg., Reinbek bei Hamburg 1994, S. 31-41.
  • Christian STEIGER, Rosemarie Nitribitt. Autopsie eines deutschen Skandals, Königswinter 2007.
  • Annette STRAUß, Frauen im deutschen Film (Studien zum Theater, Film und Fernsehen 22), Frankfurt/M. [u.a.] 1996.
  • Bernd ULRICH, Rosemarie Nitribitt, in: Skandale in Deutschland nach 1945, hg. von der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bielefeld 2007, S. 40-49.
  • Aus der Masse der zeitgenössischen Berichterstattung wurden die Jahrgänge 1957 und 1958 der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Süddeutschen Zeitung sowie des Spiegel herangezogen.
  • Die FSK hat dem Verfasser freundlicherweise die Unterlagen des Prüfverfahrens zur Verfügung gestellt.

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