Freitag, 30. Januar 2009

"Whose word do you think they're going to accept?"

Paths of Glory (Wege zum Ruhm) – 1957


USA, 1957, 87 min., Regie: Stanley Kubrick – Drehbuch: Stanley Kubrick, Calder Willinghamm, Jim Thompson – Produktion: James B. Harris, Stanley Kubrick – Musik Gerald Fried – Kamera: Georg Krause – Schnitt: Eva Kroll.
Darsteller: Kirk Douglas, Ralph Meeker, Adolphe Menjou, George Macready, Wayne Morris, Richard Anderson, Susanne Christian (verh. Kubrick), Joe Turkel, Timothy Carey.



Die Vorstellung eines Filmes, der in zweierlei Hinsicht – von seiner Thematik und seinem eigenen Alter her – als historisch gelten kann, steht gemeinhin unter dem Vorzeichen einer Einbettung der Handlung in einen spezifischen historischen Kontext. Im Falle von Paths of Glory aber stößt das Bemühen, einen solchen Kontext herauszuarbeiten, den Film also einer konkreten Phase des Ersten Weltkriegs zuzuordnen, schnell an Grenzen. Die hierfür verwertbaren Informationen bleiben marginal. Über die Einblendung France 1916 und einen rudimentären ereignisgeschichtlichen Abriss vom Ausbruch des Krieges bis zu seiner Stagnation im Stellungskrieg hinaus erfahren wir als Zuschauer nichts. Jedenfalls nichts Konkretes. Der Verzicht auf geopolitische und militärstrategische Detailinformationen ist freilich nicht zufällig. Die militärischen Konflikte des Ersten Weltkriegs interessierten den Regisseur Stanley Kubrick nur peripher. Stattdessen ging es ihm darum, die inneren Grabenkämpfe, Konfliktfelder und personellen Abhängigkeitsverhältnisse einzufangen, die sich quer durch ein „hierarchisch strukturierte[s] und verhärtete[s] (Militär-)System“ ziehen, das nur die von ihm selbst hervorgebrachten Wahrheiten anerkennt“ 1 und die Handlungsweise jedes Protagonisten maßgeblich bedingt. In Paths of Glory wird dieser Sachverhalt, den Kubrick ausdrücklich als generelles Phänomen zu Kriegszeiten verstand, 2 anhand der französischen Armee inmitten des Ersten Weltkriegs illustriert. Anders als ihm lange Jahre zum Vorwurf gemacht wurde, versteht sich der Film aber nicht als eine speziell auf Frankreich zielende Kritik. Die französische Armee ist lediglich ein Fallbeispiel. Paths of Glory bezieht nicht ausschließlich gegen sie Stellung, sondern gegen „the whole concept of military authority“, 3 wie ein Rezensent der New York Times bereits zwei Tage nach der Premiere hellsichtig hervorhob. Kubrick selbst bestätigte später diesen Sachverhalt. 4


Eine exakte militär- und politikgeschichtliche Positionierung des Films ist also kaum möglich und würde – was schwerer wiegt – der Intention seines Schöpfers zuwider laufen. Gleichwohl kann immerhin festgehalten werden, dass Paths of Glory aus einer spezifischen, auf das Innenleben einer Armee konzentrierten Perspektive eine Etappe des Ersten Weltkriegs ins Bild zu setzen versucht, in der an der Westfront bereits die als Sinnbild des sinnentleerten Massensterbens irreversibel in unser kollektives Gedächtnis eingeschriebenen Material- und Abnutzungsschlachten tobten.


Paths of Glory basiert auf dem gleichnamigen, 1935 publizierten Roman Humphrey Cobbs, einem Veteran des Ersten Weltkriegs und zweifellos unbedeutenden Schriftsteller, der einer wahren Begebenheit des Ersten Weltkriegs ein literarisches Denkmal zu setzen gedachte, namentlich der unter dem Schlagwort der Affaire des caporaux de Souain bekannt gewordenen, „ungerechtfertigte(n) Erschießung fünf französischer Soldaten wegen Meuterei im Jahre 1915“. 5 Roman und insbesondere Romancier sind heute vergessen, anders als in den 1950er Jahren, in denen sich das Buch und sein Gegenstand unter anderem in den Vereinigen Staaten einiger Beliebtheit und Aufmerksamkeit erfreuten. Durch die Adaption des vieldiskutierten Romans für die Kinoleinwand gelang es Kubrick, erstmals in großem Stil als Regisseur auf sich aufmerksam zu ma-chen.


Gedreht wurde Paths of Glory aufgrund des damals sehr günstigen Dollarkurses vollständig in Deutschland, konkret in den Bavaria Filmstudios in München-Geiselgasteig, im nahe gelegenen Schloss Schleißheim und in Bernried am Starnberger See. Heraus kam binnen weniger Wochen ein Film, der der Öffentlichkeit heute weitgehend unbekannt, eventuell sogar etwas fremd geworden ist. Im Vergleich zu Kubricks ungleich berühmterer Kriegssatire Dr. Strangelove und Antikriegsklassikern wie Im Westen nichts Neues und Die Brücke am Kwai jedenfalls fristet Paths of Glory ein Schattendasein in der Film- und insbesondere Kriegsfilmlandschaft des 20. Jahrhunderts. Gleichwohl drängt sich bei einer näheren Beschäftigung mit Kubricks Frühwerk der Eindruck auf, dass Analogieschlüsse zu den genannten Filmen – so naheliegend sie erscheinen mögen – einem Verständnis von Paths of Glory kaum zuträglich sind. Von der moralisierenden und sentimentalen Adaption des Remarque-Bestsellers einerseits und der makaberen Weltuntergangsposse Dr. Strangelove andererseits nämlich, grenzt sich Paths of Glory durch eine eigenständige Bildsprache und abweichende inhaltliche Schwerpunkte unzweifelhaft ab.


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Kurz zur Ausgangssituation der Handlung: Der französische General Broulard be-sucht den in einem feudalen, an das Zeitalter des Absolutismus erin-nernden Schloss residierenden General Mireau, um mit ihm die Einnahme des Ant Hill zu diskutieren, einer kleinen, fest in deutscher Hand befindlichen, praktisch uneinnehmbaren Anhöhe von unklarer militärstrategischer Bewandtnis. Als bedeutsam erweist sich die Anhöhe indes aus karrierestrategischer Perspektive. Als Mireau nämlich für den Erfolgsfall eine Beförderung in Aussicht gestellt wird, hält er die angedachte Militäroperation – zuvor als unsinnig und aussichtslos abgelehnt – plötzlich für realisierbar und versichert seinem Vorgesetzten, den Angriff bereits am übernächsten Tag durchführen zu können. Diese von Karrierekalkül, persönlicher Abhängigkeit und unverhüllten Sanktionsmechanismen geprägte Konstellation wiederholt sich im Gespräch Mireaus mit dem Divisionskommandanten Dax, gespielt von Kirk Douglas, dessen Gage allein übrigens über ein Drittel des Gesamtbudgets der Produktion verschlang. 6 Dax wird mit der Einnahme des unversehens prestigeträchtig gewordenen Ameisenhügels beauftragt. 5% der Soldaten würden im eigenen Sperrfeuer umkommen, 10% beim Vorstoß im No man's land, 20% schließlich an den feindlichen Stacheldrähten und weitere 25% bei der tatsächlichen Einnahme des Hügels. Die verbliebenen 40%, so errechnet der gewiefte Mathematiker Mireau, seien genug, um das eroberte Territorium dauerhaft zu halten. Ebenso wie Mireau im vorangegangenen Gespräch mit seinem Vorgesetzten lehnt auch Dax die Operation zunächst als widersinnig ab, fügt sich letztlich aber in die chain of command, als er sich mit einer Ablösungsdrohung konfrontiert sieht. Er leitet schließlich den Angriff, der sich erwartungsgemäß als Himmelfahrtskommando entpuppt und in einem völligen Debakel endet. Anschließend thematisiert der Film den Umgang mit der Niederlage innerhalb der französischen Armee, die Verschiebung der Verantwortung von den Befehlshabern zu den Befehlsempfängern und die Behandlung der bald gefundenen Sündenböcke, für deren Sache sich der im zivilen Leben als Rechtsanwalt tätige Dax ebenso energisch wie vergeblich einsetzt.


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Trotz dieses Einsatzes hat gerade Dax als Figur zu vielen Kontroversen Anlass gegeben. Das Deutungspanorama reicht von Huldigungen des Kommandanten als dem „most noble and admirable character in all of Kubrick’s work“ 7, bis hin zu Verurteilungen Dax’ als blauäugigen „armchair liberal“ 8, dessen inkonsequentes Verhalten – schließlich verweigert er sich nicht dem Angriff auf den Ant Hill – ihn zum „eigentliche[n] Garant[en] für das Weiterbestehen einer [inhumanen] militärischen Ordnung“ 9 werden lasse. Eine positive Deutung Dax’ erscheint jedoch plausibler. Gewiss: Der Colonel wird in seinem Verhalten seinen persönlichen Idealen nicht immer gerecht. Doch dies ist nicht fehlender Integrität, sondern seiner Scharnierposition zwischen Generalität und Schützengraben geschuldet, in der sich die Pflichten als Offizier einerseits und die Loyalität gegenüber den ihm unterstellten Soldaten andererseits als zwei schwer miteinander vereinbare Sphären gegenseitig überformen, was ein widerspruchsfreies Handeln praktisch wohl unmöglich, mit Sicherheit aber ausgesprochen schwierig werden lässt. Dax ist infolge dessen bisweilen von einer eminenten Diskrepanz zwischen heroischem Idealismus und „reale[r] Unterordnung“ 10 gezeichnet. Doch ist er nicht gerade aufgrund dieser Ambivalenz und nachvollziehbaren Zerrissenheit eine umso glaubwürdigere Identifikationsfigur? Die Annahme jedenfalls, dass es gerade die als moralisch über alle Zweifel erhaben konstruierten Saubermänner sein sollen, die das meiste Identifikationspotential gegenüber dem Publikum in sich bergen, kann mit guten Argumenten angezweifelt werden. Durch sein zwar nicht mit allerletzter Vehemenz vorgetragenes, aber zweifellos aufrichtiges Engagement für seine Soldaten, stellt Dax jedenfalls den in Kubricks Werk ausgesprochen seltenen Fall eines Helden dar, dem der Zuschauer aufrichtigen Respekt zollen kann. Kirk Douglas wusste diese rare Gelegenheit im Übrigen zu nutzen und verfestigte durch seine Leistung in Paths of Glory, die zu Recht als eine der besten seiner gesamten Karriere gewürdigt wird, 11 seinen Status als einer der größten Filmstars der 1950er und 1960er Jahre. Douglas setzte durch, dass die von ihm gespielte Figur – anders als in der Romanvorlage – ganz ins Zentrum der Verfilmung rückte. Dies schlägt sich in zahlreichen Details nieder, von den mit weitem Abstand meisten Nahaufnahmen, bis hin zur Einlösung des ungeschriebenen Gesetzes, „that virtually every one of his pictures after his breakthrough role […] had to con-tain a scene in which he takes off his shirt“ 12.


In Paths of Glory mimte Douglas derweil einen Helden, der insbesondere vor dem Hintergrund seiner Gegenspieler Mireau und Broulard zu glänzen weiß. Diese verkörpern gemeinsam den Typus des skrupellos Soldatenleben verheizenden Weltkriegsgenerals, von dem auch die geschichtswissenschaftliche Forschungsliteratur berichtet. Dies ist aufgrund zweifellos vorhandener Paradebeispiele – man denke nur an Erich von Falkenhayn oder Robert Nivelle – zwar nachvollziehbar, geschieht bisweilen jedoch in einer Einseitigkeit, die die Existenz verantwortungsbewusster und empathischer militärischer Befehlshaber während des Ersten Weltkriegs ins Reich des historisch Irrelevanten zu verdrängen droht. Historische Differenzierung größeren Ausmaßes freilich wäre von dem Film zu viel verlangt. Immerhin aber werden die beiden Generäle als ein durchaus ungleiches Duo portraitiert. Während Mireaus Motive allein auf eine in Aussicht gestellte militärische Rangerhöhung zielen, möchte Broulard durch die Ant Hill-Offensive den eminenten Druck von Seiten der Öffentlichkeit und der Politik abdämpfen, dem er in Folge ausbleibender militärischer Erfolge ausgesetzt ist. Gleichwohl ist auch er bereit, hierfür tausende Soldaten in den sicheren Tod zu schicken, anders als Mireau beweist Broulard jedoch eine feine Sensorik für politische Zusammenhänge und vermag innerhalb des Generalstabs selbst wie ein Politiker zu agieren. Der zum Scheitern verurteilte Angriff ist aus seiner Perspektive ein an der Heimatfront strategisch notwendiges Ablenkungsmanöver, für das er Mireaus Ehrgeiz als ein „Mittel zur öffentlichen Selbstlegitimation“ 13 auszunützen versteht. Gleichwohl wollte Kubrick auch anhand der Figur Mireaus keine pauschale Gut-Böse-Dichotomie zwischen Befehlshabern und einfachen Soldaten illustrieren. Mireau, so Kubrick, habe man sich nicht einfach als intriganten, durchtriebenen Bösewicht vorzustellen, sondern als extrem ehrgeizigen, ebenso stolzen wie eitlen Militär, der niemals an der Aufrichtigkeit seiner eigenen Worte zweifelt, „no matter how cliche-ridden it may sound, and no matter how blantly cruel and selfish it may seem“. 14


Hinter allen Ränkespielen steht schließlich als Katalysator der Handlung und eigentlicher Gegenstand des Films die Eigendynamik und innere Gesetzmäßigkeit jenes verhärteten Militär-Systems, das sich für alle Protagonisten unabhängig von ihrem militärischen Rang als unentrinnbar erweist. Hierdurch sind weite Teile der Handlung gleichsam vorprogrammiert, die letztendlichen Sündenböcke, wie Kubrick es formulierte, „doomed from the start“. 15 Diesen Aspekt der Determination unterstrich Kubrick zugleich durch eine reflektierte Schnitttechnik, die das Ende einzelner Handlungsstränge ersatzlos überspringt. Der Film etwa zeigt detailliert eine Gerichtsverhandlung, den Richterspruch jedoch spart er aus, da dessen Wortlaut jedermann im Voraus klar sein muss. Dergleichen „Ellipsen, die Unnötiges, weil Feststehendes auslassen“, 16 vermindern jedoch nicht die Verständlichkeit des Films; sie lenken lediglich den „Blick von den ‚offiziellen‘ Ereignissen auf ‚inoffizielle‘ Ursachen“ 17 der Handlung. Innerhalb einer Hierarchie, in der sich „Glaubwürdigkeit […] nach Rangabzeichen“ bemisst und "formalien […] Akte der Willkür“ 18 maskieren, wird die Verantwortung für Misserfolge jedweder Art automatisch nach unten delegiert. Vor diesem Hintergrund kann als ein weiteres Kernelement des Filmes die Manipulation der Untergebenen von Seiten ihrer Vorgesetzten hervorgehoben werden, zeigt der Film doch eine Realität, in der „die Mächtigen die Untergebenen zu Schachfiguren degradieren, in der aber auch jeder, der in der Hierarchie weiter oben steht, mit dem Wissen leben muss, selbst nur Schachfigur zu sein“. 19 In Paths of Glory ist Gegnerschaft letztlich weniger eine Frage der Nationalität, der Konflikt spielt sich vielmehr in den eigenen Reihen ab. Die hierbei offen zutage tretende Ohnmacht der Protagonisten am unteren Ende der Hierarchie verdichtet sich in zahlreichen Dialogen. So kann etwa Lieutenant Roget die berechtigte Drohung eines Soldaten, ihn wegen grober Verletzungen seiner Dienstpflichten anzuzeigen, erfolgreich mit den Worten abwehren: „Have you ever tried to bring charges against an officer? It's my word against yours, you know, and whose word do you think they're gonna believe – or, let me put it another way, whose word do you think they're going to accept?”.


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Paths of Glory stieß im englischsprachigen Raum auf ein über-wiegend wohlwollendes Presseecho. In der bereits erwähnten Besprechung der New York Times etwa wurde der Film als couragierte Adaption einer Thematik gelobt, die seit 20 Jahren ein „hot potato in Hollywood“ 20 gewesen sei. Variety wiederum lobte – neben den hervorragenden schauspielerischen Leistun-gen – die kompromisslose und Nichts beschönigende Realitätsnähe Paths of Glorys, während Time and Tide ihn als den aufrichtigsten und technisch brillantesten Hollywoodfilm seit Beginn der 1950er Jahre feierte. 21 Selbst Winston Churchill, der im Ersten Weltkrieg als Oberstleutnant ein Bataillon der englischen Armee befehligt und also eigene Fronterfahrung gesammelt hatte, äußerte sich ausgesprochen positiv. Kein Film, so der ehemalige Premierminister, habe die Stimmung des Ersten Weltkriegs präziser und treffender eingefangen als Paths of Glory.22


In weiten Teilen Europas stieß Kubricks Werk hingegen auf einigen Widerstand. Im französischen Sektor Berlins entließen stationierte Soldaten und Offiziere bei der Premiere des Filmes zwar keine weißen Mäuse ins Kino, warfen jedoch Stinkbomben und Knallfrösche unter die Zuschauer, wodurch sie einen Abbruch der Aufführung provozierten. Der französische Stadtkommandant General Amédée Gèze verbot fünf Tage später gar jegliche Aufführung des Films in verschiedenen Stadtbezirken, was der Regierende Bürgermeister Willy Brandt öffentlich als „Rückschritt in das Jahr 1948“ 23 brandmarkte, anspielend auf den völkerrechtlichen Status Deutschlands vor der Gründung der Bundesrepublik und der Verabschiedung des Besatzungsstatuts im Jahr 1949. Weiterhin verhinderte Gèze die Ausstrahlung des Filmes bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin.24 In Frankreich selbst wurde Paths of Glory erst 1975 uraufgeführt, zuvor hatte er vor dem Hintergrund der durch den Algerienkrieg aufgeheizten politischen Atmosphäre keine Chance zur Aufführung gehabt. Doch Zensurfälle blieben beileibe nicht auf Frankreich beschränkt. Aus diplomatischen Erwägungen heraus blieb Paths of Glory bis 1971 auch in Israel verboten. In Italien wiederum beschwor der Film „in zahlreichen Städten Demonstrationen“ herauf, während er in einem Brüsseler Kino „nach Protesten belgischer Veteranen (dauerhaft) abgesetzt“ 25 wurde. Ja, „even the Swiss were not neutral on Paths of Glory“26, wie Kirk Douglas süffisant in seiner Autobiographie vermerkte. In der Tat hatte der Schweizer Bundesrat bereits 1958 den Film verboten, nachdem die Bundesanwaltschaft zuvor den Verleih dazu aufgefordert hatte, „alle Kopien außer Landes zu bringen“, andernfalls „würden sie vernichtet“ 27 werden.


Über die Ursachen dieses länderübergreifenden Widerstands gegen Paths of Glory kann gestritten werden. Als einer der Hauptgründe wird – neben diplomatischen Rücksichtnahmen – sicherlich daran zu erinnern sein, dass Kubrick in seinem Film das Militärwesen im allgemeinen, unabhängig also von der Nationalität, angriff, weshalb sich auch jenseits der französischen Grenzen große Bevölkerungskreise persönlich angesprochen und attackiert fühlen konnten, die als Veteranen des Ersten oder Zweiten Weltkriegs in Beziehung zur militärischen Welt standen. Dies galt umso mehr in einer Zeit, in der das Militär in vielen Ländern noch einen erheblich höheren Stellenwert genoss, als dies heute der Fall ist und in der angesichts des Blockkonflikts die Armeen der westlichen Welt – unter umgekehrten Vorzeichen auch jene im kommunistischen Herrschaftsbereich – als Garanten der Freiheit zu gelten hatten.


Einleitend war von Analogieschlüssen zwischen Paths of Glory und Im Westen nichts Neues die Rede, die meines Erachtens nicht weit tragen. Kubrick wollte gerade nicht über die Sinnlosigkeit des Krieges handeln, sondern über die Kontaminierung hierarchischer Strukturen durch eine Melange aus übersteigertem Ehrgeiz und interpersoneller Manipulation. Eine „moralische Geste oder ein Aufschrei des Mitgefühls“ 28 wie Im Westen nichts Neues jedenfalls stellt Paths of Glory mit Sicherheit nicht dar: Spätestens in der Schlussszene des Filmes erweist sich – unabhängig von ihrer Position in der Befehlskette – die tiefgreifende Ambivalenz aller Handlungsträger des Filmes.



Thomas Vordermayer, M.A., Augsburg



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Auswahlbibliographie



  • Baxter, John, Stanley Kubrick. A biography, New York 1997.

  • Castle, Alison (Hg.), The Stanley Kubrick archives, Köln 2005.

  • Douglas, Kirk, The Ragman’s Son. An autobiography, New York [u.a.] 1988, S. 273-286.

  • Falsetto, Mario, Stanley Kubrick. A narrative and stylistic analysis, 2. überarb. ü. erw. Aufl., Westport 2001, S. 38-41.

  • Fischer, Ralf Michael, „A pleasant atmosphere in which to work”. Wechselwirkungen zwischen Schein und Sein im filmischen Raum von Stanley Kubricks Paths of Glory (USA 1957), in: Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft 32 (2005), S. 271-312.

  • Haas, Christoph, Die Logik des Wahns: Paths of Glory (1957), in: Beier, Lars-Olav u.a. (Hg.), Stanley Kubrick (Film Bd. 8), Berlin 1999, S. 75-88.

  • Howard, James, Paths of Glory, in: Ders.: The Stanley Kubrick companion, London 1999, S. 55-62.

  • Naremore, James, On Kubrick, London 2007.

  • Philips. Gene D. (Hg.), Stanley Kubrick Interviews, Jackson 2001.

  • Roth, Wilhelm, Generäle und Zensoren. Paths of Glory und die Spiele der Macht, in: Kinematograph 19 (2004), S. 45-55.

  • Seeßlen, Georg und Jung, Fernand, Stanley Kubrick und seine Filme, Marburg 2001, insb. S. 9-25 u. 100-107.

  • Thomas, Tony, The films of Kirk Douglas, 2. überarb. u. erw. Aufl., New York 1991, S. 144-149.


Anmerkungen


1 Fischer, Wechselwirkungen, S. 273.
2 Vgl.: Castle, Archives, S. 309.
3 Crowther, Bosley, Shameful Incident of War. Paths of Glory has premiere at Victoria. Kirk Douglas stars in film of Cobb Book, in: New York Times vom 26. Dezember 1957.
4 Vgl.: Castle, Archives, S. 309.
5 Fischer, Wechselwirkungen, S. 302.
6 Das Budget des Films war auf etwa 900.000 Dollar bemessen. Douglas hatte für sich eine Gage von 350.000 Dollar ausgehandelt, inkl. Reisen erster Klasse für sich und seine Familie (vgl.: Baxter, Kubrick, S. 93).
7 Vgl.: Falsetto, Kubrick, S. 40.
8 Baxter, Kubrick, S. 101.
9 Roth, Generäle, S. 48.
10 Fischer, Wechselwirkungen, S. 289.
11 Vgl. bspw.: Thomas, Films, S. 149.
12 Vgl.: Naremore, Kubrick, S. 85.
13 Fischer, Wechselwirkungen, S. 292.
14 Zitiert nach: Naremore, Kubrick, S. 93.
15 Zitiert nach: Baxter, Kubrick, S. 101.
16 Fischer, Wechselwirkungen, S. 273.
17 Ebd.
18 Ebd., S. 272.
19 Haas, Logik, S. 85f.
20 Vgl. Fußnote 2.
21 Originalzitate in: Howard, Paths, S. 60. Vgl. auch den Auszug aus der Besprechung in Variety.
22 Vgl. Baxter, S. 101.
23 Zitiert nach: Roth, Generäle, S. 53.
24 Kirk Douglas erhielt 2001 den Goldenen Eh-renbären (Fotos). Als Hommage wurde dann auch „Paths of Glory“ zum ersten Mal auf der Berlinale vorgeführt.
25 Ebd., S. 51.
26 Douglas, Son, S. 282.
27 Roth, Generäle, S. 54
28 Seeßlen/Jung, Kubrick, S. 106.
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